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Hallo liebe Team-Gemeinde,
endlich kann ich ein weiteres Rennen von meiner Wunschliste streichen. Ok, kein Triathlonrennen, nein, ein einfacher „Ultra“ – Marathon. Und zwar hat es mich schon immer mal gereizt, die 100 km von Biel in Angriff zu nehmen. Trotz der Erfahrung von einigen Langdistanzen hatte ich doch einigen Respekt vor der Strecke. 100 km auf den Beinen sein, wie sich das wohl anfühlt? So habe ich mich für dieses Jahr entschieden, keine Langdistanz, sondern Biel und im August das 24 Std. Radrennen in „der grünen Hölle“ am Nürburgring als Einzelstarter zu bestreiten.
Aber zurück zu Biel, habe mich seit Anfang des Jahres mit zwei Bekannten auf dieses Ziel hin vorbereitet. Neben einigen Schwimm- und Radkilometern, waren es dann deutlich über 2000 Laufkilometer die ich absolviert habe. Die Vorbereitung verlief sehr gut, die im Vorfeld bestrittenen Wettkämpfe (50Km Ultramarathon in Marburg, Trollinger Marathon, etc.) deuteten auf eine gute Ausgangsform hin. Also konnte Biel kommen. Die nur 5 Tage davor stattfindende Kraichgau Challenge Mitteldistanz (Heimrennen) wollte und konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und nahm diese als letzte Formüberprüfung. Auch hier lief alles nach Wunsch (siehe Bericht darüber).
Voller Motivation und Selbstvertrauen bin ich dann am Donnerstag mit meiner Bekannten (Carmen) nach Biel aufgebrochen.

Wieder bestes Wetter, 35°C, aber wir laufen zum Glück ja nachts. Nach einer ruhigen Nacht und etwas Kultur tagsüber warteten wir dann mit Spannung auf den Start um 22.00 Uhr am Abend. Da es den ganzen Tag über wieder schwülwarme 30-33°C hatte, wurden für die Nacht starke Regenfälle, Gewitter und sinkende Temperaturen auf 13°C voraus gesagt. Was anziehen? Da keine Radbegleitung etc. musste alles in minimaler Ausstattung gehen. Habe mich für einen Einteiler mit Radtrikot entschieden. Somit hatte ich Platz für Windweste, Lampe, 3 Gels und Mp3-Player. So ging´s dann endlich um 22.00 Uhr los. Haben uns als Rookies mal in die hinteren Reihen gestellt, um es ruhig angehen zulassen. Dann der Startschuss, laufe locker los, gefolgt von Carmen, machen Platz um Platz gut. Bei Km 1 stelle ich fest, das ich gerade mit 4:40 min/km anlaufe. Upps, sofort auf die Bremse treten. Pendel mich dann auf 5:15 min ein, immer noch zu schnell laut meinem Plan. Mittlerweile hat Carmen abreißen lassen, die auf Grund einer Verletzung in der Vorbereitung ihr Tempo sehr niedrig halten muss. Habe mich dann entschlossen, einfach nach Gefühl zu laufen, immer im Wohlfühlbereich. So vergingen die ersten Kilometer wie im Flug. Immer wieder kleine Stimmungsnester, dann ruhige Streckenabschnitte und nichts von Regen oder dergleichen in Sicht. Im Gegenteil, immer noch Temperaturen von über 20°C und schwülwarm. Alle jammern dass sie schwitzen und zu warm angezogen sind. Da hilft nur eins, trinken, trinken und nochmals trinken! Da kommt einem die Erfahrung der Langdistanz zu Gute. Bin kontinuierlich am überholen, der erste HM ist rum, versuche mit einigen Läufern ins Gespräch zu kommen, nichts, alle sind wie in Trance oder total gereizt und angespannt. Hey Leute, wir sind doch erst bei 21 km, das kann noch öde werden, 80 km und keinem kannst Du das Ohr abkauenJ. Also Mp3 Player auf die Ohren und passend zu Mitternacht mal mit Hells Bells von AC/DC beschallen lassen. So ging es dann ohne nennenswerte Ereignisse weiter. Der erste Marathon ist rum und weiter geht`s. Endlich, das 50Km Schild. Zum ersten Mal schaue ich wieder auf meine Uhr, 4:45 Std., super, genau in meinem Zeitplan. Ab hier geht es nun nur bergab. Versuche nun jeden 10ner in 60 min zu laufen, inklusive kurzer Gehpausen bei den Verpflegungspunkten. Das es immer noch nicht abkühlt, wird ausreichendes Trinken der Schlüssel über Erfolg oder Niederlage sein. Also mindestens 3-4 Becher Wasser rein schütten, ein Riegel oder Gel dazu. Mahlzeit!

Fühle mich immer noch stark, alles läuft gut und die Beine sind noch locker.
Kilometer 56, hier kommt er nun, der sagenumwobene „Ho Chi Minh Pfad“ (Emmendamm), also übersetzt, der Pfad der Erleuchtung. Von wegen, da Neumond ist, dieser Pfad umgeben von hohen Bäumen fernab von irgendwelchen Straßen und Häusern verläuft, ist es hier so dunkel wie in einem Bärenpopo. Ohne Stirnlampe purer Leichtsinn. Also Lampe auf Hirn und los. Der Weg ist ein schmaler Trampelpfad, übersäht mit Kieselsteinen und Wurzeln, bewachsen mit kniehohen Gras, Wegbreite etwa 20-25cm und rechts und links geht es eine Böschung hinab. Da bringt dann auch die Lampe nicht viel, laufen mit höchster Konzentration, jeder Schritt eine Herausforderung. Komme gut durch, bin aber ziemlich allein, ab und an eine Lampe als Wegmarkierung, die einem bestätigen auf dem richtigen Weg zu sein. Nach einiger Zeit merke ich, dass ein Licht von hinten mich einholt. Ah, ein schnellerer Staffelläufer. Als er direkt hinter mir ist, versuche ich ein wenig Platz zu machen.

Als Dank dafür rempelt er mich beim überholen unsanft an und schickt mich in den rechten Abhang. Mit einem Ausfallschritt versuche ich einen Sturz zu vermeiden, mit dem Ergebnis, dass ein stechender Schmerz durch meinen rechten hinteren Oberschenkel geht und ich mich dann doch „lang“ mache. Mein erster Gedanke, das war’s!!! Sofort wieder auf die Beine, dann Bestandsaufnahme. Knie, Ellbogen und Hand leicht aufgeschürft, aber nicht gravierend. Was macht das Bein? Langsam wieder loslaufen, immer mit einem stechenden Schmerz begleitet. Egal, musst eh weiter, hier in der Wildnis kann Dir sowieso keiner helfen. In den nächsten 2-3 km ließ dann das Stechen nach und ich kam wieder in meinen normalen Rhythmus zurück. Vielleicht hat mich aber auch die Wut im Bauch den Schmerz vergessen lassen. Ein jeder von Euch kann sich wohl denken, was man am liebsten mit so einem Idi… gemacht hätte. Zum Glück hatte er seine Startnummer vorne, so dass ich sie nicht sehen konnte, denn irgendwann bin ich ja auch im Ziel. Nach einiger Zeit hatte ich mich dann auch wieder beruhigt und fieberte der 70 km Marke entgegen, der so genannten Halbzeit in Biel. Was würde mich erwarten? Der Mann mit dem Hammer oder so was? Aber nichts passiert, die Beine laufen immer noch locker. Das einzige was ich merke ist, das die Schuhe ihre Dämpfung verloren haben. Nun ist eine gute Fußmuskulatur gefragt. Bei km 80 immer noch im Zeitplan. Hier kommt nun der letzte größere Anstieg. Erst geht es über 3 km langsam bergauf, um dann noch mal für ca. 600-700m mit 14-15% Steigung die Beine zu quälen. Nein, nicht gehen, laufen, immer weiter, sammle hier am Berg wieder einige Läufer ein. Geschafft! Oben und nun geht es erstmal für eine Weile runter. Aber Vorsicht, nicht überziehen, noch liegen ca. 18 km zwischen mir und Biel. So langsam kommt auch das tageslicht wieder und immer noch sind die Temperaturen gesunken. Ah, leichter Nieselregen kommt auf, der nach 5 Minuten wieder endet und nur die Luftfeuchtigkeit anhebtL. Nun geht es durch grüne Auen entlang der Aare. Mutterseelenallein trabe ich vor mich hin. Nun muss langsam der Kopf ran. Durch die fehlende Abwechselung, Unterhaltung und keine motivierenden Zuschauern, wird es nun einsam, alles mögliche geht mir durch denn Kopf, aber ich fühle mich gut, die Beine funktionieren, auch wenn jetzt mit leichten Schmerzen und Verhärtungen. Ein Blick auf die Uhr bestätigt meinen Plan. Das motiviert mich wieder. Langsam nähere ich mich der 90 km Marke. Wenn jetzt nichts mehr schief geht, schaffe ich es. Das verleiht Flügel. Am Verpflegungsstand noch mal meine letzte kurze Pause, Wasser trinken, Gel rein, Cola / Wasser rein und weiter. Die letzten Kilometer vergehen immer schneller, bei km 95 noch mal mit Cola puschen, das gibt mir den letzten Kick, überhole sogar noch einen Staffelläufer. Dann das 99 km Schild, der letzte Kilometer, das Grinsen im Gesicht wird immer breiter. Noch ca. 600m, da noch ein letztes Opfer, ziehe das Tempo an, gehe vorbei. Nach kurzem Widerstand war auch er abgehangen. Und da war sie endlich, die Zielgerade, habe die letzten Meter nur noch genossen und bin dann mit 9:43 Std überglücklich ins Ziel. Habe damit meine angestrebten 10 Std. deutlich unterboten.

Aber dann kam er, der einzige Wehmutstropfen des ganzen Wochenendes. Hinter der Ziellinie gähnende Leere. Kein After Race Bereich, nichts! Etwas weiter das große Festzelt, voll mit Zuschauern und Angehörigen. Ja, dort gab es ein Läuferfrühstück, wäre jetzt genau richtig, aber sorry, hatte vergessen Geld mit auf den 100km Lauf zunehmen. Aber da war ich nicht allein. Da gibt es bei jedem Wald- und Wiesenlauf eine bessere Verpflegung im Zielbereich. Etwas frustriert bin ich dann mit anderen Finishern mein Shirt holen gegangen. Dann ab zum Massieren, aber Fehlanzeige, 2 Liegen für 1600 Starter plus Staffeln, die sich hier schon in großer Menge breit gemacht hatten, ist auch wichtig nach 20km laufen. Bin dann etwas enttäuscht zum Auto gewackelt, was zum Glück unweit in einer Seitenstraße stand.
Dort aus eigenen Vorräten bedient, Handy, Kamera genommen und zurück zum Ziel auf meine Mitstreiter Carmen und Jürgen gewartet. Die Zeit habe ich dann doch noch mit netten Gesprächen mit anderen Läufern verbringen können, als dann für mich unerwartet Carmen mit einer Zeit von 11:40 Std. über die Ziellinie in meine Arme stürmte. Auch mein Freund Jürgen ließ nicht mehr allzu lange auf sich warten und kam knapp unter 13 Stunden ins Ziel.

Nachdem die beiden Ihre Frustration über den fehlenden After Race Bereich verdaut hatten, entschlossen wir uns kurzer Hand die Schweiz zu verlassen und sind gegen Mittag zurück nach Deutschland gefahren. Kurz hinter der Grenze haben wir uns in einem Landgasthof einquartiert. Nach ausgiebigem Duschen und kurzer Ruhepause auf dem Bett, haben wir dann den Abend bei einem deftigen Essen ( der Wirt meinte es sehr gut mit uns, denn die Portionen waren riesig ) ausklingen lassen. Nach einer schmerzfreien Nacht oder zumindest hab ich keine Einschläge mehr mitbekommen, haben wir uns am Sonntag nach dem Frühstück dann auf den Heimweg gemacht.
Fazit dieser Aktion:
100km sind schon ein Stück, aber werde sie bestimmt noch mal in Angriff nehmen, ob in Biel oder anderswo weiß ich noch nicht. Aber ansonsten bleibe ich dem Triathlon treu. Da sind die Leute viel entspannter!!!!!
Liebe Grüße und noch eine schöne Saison.
Euer Andy
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